Ziele für nachhaltige Entwicklung/Agenda 2030 Internationale Debatte Entwicklungspolitik PORTALKATEGORIEN

70 Jahre Vereinte Nationen: Herausforderung Entwicklungszusammenarbeit

Eine Frau informiert die Bewohner eines Vertriebenen-Camps über eine Impfkampagne der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des UN-Kinderhilfswerk (UNICEF) gegen Polio. Quelle: UN Photo/Olivier Chasso

Menschen weltweit aus der Armut zu befreien und ihnen die Chance auf ein Leben in relativem Wohlstand und in Eigenbestimmung zu ermöglichen – das ist eines der Hauptziele der Vereinten Nationen. Seit ihrer Gründung vor 70 Jahren ist die Organisation ein maßgeblicher Akteur der multilateralen Entwicklungspolitik. Sie ist das zentrale Forum für globale Debatten, internationale Konsensbildung und die Aushandlung universeller Normen und entwicklungspolitischer Ziele. Darüber hinaus beschäftigen sich mehr als drei Dutzend Organisationen der UN-Familie mit verschiedensten Aspekten wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung, Umwelt und Entwicklungszusammenarbeit. Sie leisten technische und finanzielle Hilfe, generieren und bündeln Informationen und betreiben Lobby-Arbeit.

Die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit in den Vereinten Nationen

Die entwicklungspolitischen Strukturen des Systems der Vereinten Nationen sind historisch gewachsen. Ihre Ursprünge reichen bis in die Zeit vor der Gründung 1945 zurück. So wurde etwa die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits im Jahr 1919 geschaffen und erst 1946 als Sonderorganisation in das UN-System eingegliedert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mit Beginn der Entkolonialisierung hat die Entwicklungszusammenarbeit als Instrument der Weltgemeinschaft stark an Bedeutung und Umfang gewonnen. Im Jahr 1944 wurden auf einer Konferenz in Bretton Woods (USA) die entscheidenden Schritte zur Errichtung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) unternommen.

Was ist menschliche Entwicklung?

Menschliche Entwicklung ist die Erweiterung der Freiheiten der Menschen, ihr Leben so zu leben, wie sie es möchten. Es geht darum, Menschen mehr (Wahl-)Möglichkeiten zu eröffnen, so dass sie ihre produktiven und kreativen Kräfte zur Verbesserung ihrer Lebenschancen entfalten können. Dieser Ansatz hat sich als wirkungsvoll erwiesen bei der Bekämpfung von Armut und Not – aber auch, um so vielfältige Themen wie Gleichstellung der Geschlechter, menschliche Sicherheit oder Klimawandel neu zu überdenken. Im Bericht über die menschliche Entwicklung  2010 wurde die Definition menschlicher Entwicklung ergänzt: Danach erweitert menschliche Entwicklung die Freiheiten der Menschen, ein langes, gesundes und kreatives Leben auf nachhaltiger Grundlage zu führen. Menschliche Entwicklung stärkt die Menschen in ihrem aktiven Engagement, gerechte Entwicklungsprozesse auf unserem gemeinsamen Planeten zu gestalten.

Als in den 1960er und 1970er Jahren viele Staaten des globalen Südens unabhängig wurden, führte dies bei den Vereinten Nationen dazu, dass die Mitgliederzahl auf rund 150 anstieg. Da die Mehrheit dieser jungen Staaten auf Unterstützung, insbesondere beim Aufbau eines funktionierenden Staatswesens, angewiesen war, stieg auch die Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit in der Weltorganisation. Dort reagierte man auf diese Herausforderung mit einem beispiellosen Aufbau von Strukturen und einer Ausweitung des Engagements. Mit Hilfe ihrer Stimmenmehrheit setzten die Länder des globalen Südens die Gründung neuer Fonds und Programme sowie die entwicklungspolitische Ausrichtung bereits bestehender UN-Einrichtungen durch.

Aufgaben und Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit

Die UN-Entwicklungszusammenarbeit ist breit gefächert. Das Mandat laut UN-Charta ist allgemein gehalten: Die Mitgliedstaaten setzen sich das Ziel, „eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen, um internationale Probleme wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Art zu lösen“. Das Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit hat sich seitdem mehrfach gewandelt. Dies hatte zur Folge, dass sich auch das Mandat, die Strukturen und die Instrumente der Vereinten Nationen kontinuierlich weiterentwickelt haben.

Heute geht der Beitrag der Vereinten Nationen über die „operative“ Entwicklungszusammenarbeit vor Ort, im Sinne der Bereitstellung von Grundversorgung und -dienstleistungen, weit hinaus. So sind einige UN-Organisationen dafür zuständig, die Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer Entwicklung funktioniert. Von armutsorientierter Entwicklung spricht man, wenn von ihr insbesondere auch benachteiligte und arme Bevölkerungsgruppen langfristig profitieren. So setzt sich beispielsweise die ILO für Arbeitsstandards und Schutzbestimmungen ein, etwa in den Textilfabriken Bangladeschs; die Weltgesundheitsorganisation befördert die internationale Zusammenarbeit bei der Eindämmung der Schweine- oder Vogelgrippe; und das UN-Umweltprogramm unterstützt Partnerländer bei Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel. Dadurch leisten die Vereinten Nationen einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Ursachen von Armut und ungleicher Entwicklung.

Darüber hinaus analysieren und bewerten UN-Organisationen globale Trends und erheben wichtige statistische Daten. Beispielsweise bewertet der Weltklimarat Ausmaß und Folgen des Klimawandels, sodass mit diesen Erkenntnissen auf den internationalen Klimakonferenzen Handlungsdruck erzeugt werden kann. Schließlich betätigen sich UN-Organisationen vielfach als Anwalt oder Fürsprecher für die Interessen der Ärmsten der Armen und verschaffen diesen bei internationalen Verhandlungen in New York Gehör. All diese Tätigkeiten gehen über das traditionelle Verständnis von Entwicklung weit hinaus, das oft noch vom Bild des brunnenbohrenden Entwicklungshelfers geprägt ist.

Globale Entwicklungsziele – von den MDGs zu den SDGs

Im September 2000 kamen die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in New York zusammen und verabschiedeten in der Millenniums-Erklärung eine Reihe von Entwicklungszielen, die weit über sämtliche vorherige Zielbestimmungen hinausgingen. Die sogenannten Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals – MDGs) sind seitdem zu einem übergreifenden Mandat der internationalen Entwicklungszusammenarbeit geworden. Der Zielkatalog spiegelt die Bemühungen wider, verschiedene Facetten von Armut gleichzeitig anzugehen. Übergeordnetes Ziel ist die Halbierung der in Armut lebenden Menschen (MDG 1), gemessen am Niveau von 1990. Weitere Ziele beziehen sich auf die universelle Bereitstellung einer Grundbildung (MDG 2), die Geschlechtergleichstellung und Förderung von Frauen (MDG 3), die Halbierung der Kindersterblichkeit (MDG 4) und Müttersterblichkeit (MDG 5), die Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen übertragbaren Krankheiten (MDG 6), ökologische Nachhaltigkeit (MDG 7) und eine Entwicklungspartnerschaft zwischen armen und reichen Ländern (MDG 8).

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen

Das Entwicklungsprogamm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme – UNDP) arbeitet in rund 177 Ländern und Gebieten daran, die Entwicklungschancen von in Armut lebenden Menschen zu verbessern. Im Jahr 1965 gegründet, ist es die maßgebliche Organisation der Vereinten Nationen für Entwicklungsfragen. Das Aufgabenfeld des UNDP ist breit gefächert. Armutsreduzierung, das Erreichen der Entwicklungsziele, demokratische Regierungsführung und Maßnahmen zur Krisenprävention gehören ebenso dazu wie Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung. Schließlich ist das UNDP auch zuständig für die Residierenden Koordinatoren, die vor Ort für die Absprache zwischen den verschiedenen UN-Organisationen verantwortlich und gleichzeitig wichtige Ansprechpartner für die Regierungen der Partnerländer sind. Seit 1990 gibt das UNDP regelmäßig den Bericht über die menschliche Entwicklung heraus.

Erstmals in der Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit gab es mit den MDGs eine einheitliche Zieldefinition mit konkreten Vorgaben, auf die sämtliche Akteure weltweit hinwirkten – bilaterale Geber genauso wie zivilgesellschaftliche Organisationen und die Vereinten Nationen. Mit Hilfe der MDGs wurden in vielen Entwicklungsbereichen deutliche Erfolge erzielt. Sie haben Regierungen, der Zivilgesellschaft und der internationalen Gemeinschaft geholfen, ihre Anstrengungen zu fokussieren und Mittel zu mobilisieren. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Da der Zeithorizont zur Umsetzung der MDGs 2015 ausläuft, wurde deshalb im September 2015 ein neuer Zielkatalog verabschiedet.

Während die Millenniums-Entwicklungsziele vor allem auf die Verringerung der Armut in den Entwicklungsländern ausgerichtet waren, beruhen die neuen Ziele auf der breiteren Grundlage nachhaltiger Entwicklung weltweit. Sie gelten ausdrücklich für alle Länder. Den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Dimensionen von Nachhaltigkeit soll in ausgewogener Weise Rechnung getragen werden. Die neuen „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ (Sustainable Development Goals – SDGs) sollen sowohl universell und umfassend als auch praktisch anwendbar sein. Sie beinhalten weiterhin zentrale Entwicklungsherausforderungen wie die vollständige Abschaffung der Armut (Ziel 1) und des Hungers (Ziel 2), Gesundheit (Ziel 3), Bildung (Ziel 4), Geschlechtergerechtigkeit (Ziel 5), Wasser- und Sanitärversorgung (Ziel 6) und eine nachhaltige Energieversorgung (Ziel 7). Als primär wirtschaftliche Ziele wurde die Förderung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums und menschenwürdiger Arbeit (Ziel 8) sowie einer nachhaltigen Infrastruktur und Industrialisierung (Ziel 9) aufgenommen. Ferner geht es um die Verringerung der Ungleichheit zwischen und innerhalb einzelner Länder (Ziel 10), nachhaltige Siedlungsentwicklung (Ziel 11), nachhaltige Produktions- und Konsummuster (Ziel 12), den Umgang mit dem Klimawandel (Ziel 13), den Schutz der Meere (Ziel 14) und der Ökosysteme und Artenvielfalt (Ziel 15) sowie um friedliche und inklusive Gesellschaften, den Zugang zu Justizsystemen und fähige Institutionen (Ziel 16). Mit Ziel 17 sollen schließlich die Mittel zur Umsetzung und eine globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung gestärkt werden.

Wer bezahlt die menschliche Entwicklung?

Die UN-Entwicklungszusammenarbeit finanziert sich vor allem durch freiwillige Beiträge. Trotz früherer Versuche, einen zentralen Finanzierungsmechanismus für das gesamte System zu schaffen, ist aktuell jede Organisation für das Einwerben von Mitteln selbst verantwortlich. Der Großteil der Mittel kommt dabei von – überwiegend westlichen – Staaten, die ihre Beiträge als Teil ihrer Entwicklungshilfe verbuchen. Der wichtigste Wandel in der letzten Dekade erfolgte durch den starken Anstieg der Beiträge von nichtstaatlichen Akteuren – Wirtschaftsakteure, Nichtregierungsorganisationen wie die nationalen Ausschüsse von UNICEF, öffentlich-private Akteure wie der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria oder andere internationale Organisationen.

Bericht über die menschliche Entwicklung

Der Bericht über die menschliche Entwicklung (Human Development Report – HDR) wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen erstellt und bietet seit über 20 Jahren eine Grundlage für Debatten über die drängendsten Herausforderungen, denen sich die Menschheit gegenüber sieht. So wurden wichtige Themen wie Menschliche Sicherheit, Kulturelle Freiheit und Minderheiten, Demokratisierung, Migration und Klimawandel behandelt. Trotz guter Fortschritte in vielen Bereichen bestehen weiterhin große Ungleichheiten beim Wohlergehen der Menschen zwischen reichen und armen Ländern und auch innerhalb der Länder. Der Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index – HDI) misst das menschliche Wohlergehen. Er kombiniert Indikatoren für die Lebenserwartung, die Alphabetisierung, die Einschulungsquote und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.

Die Vereinten Nationen spielen eine wichtige Rolle in der Debatte um die Finanzierung von Entwicklungszusammenarbeit. Um diese Frage ging es auf der UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung 2002 in Monterrey (Mexiko). Im Rahmen des sogenannten „Konsens von Monterrey“ zwischen Industrie- und Entwicklungsländern wurde dort vereinbart, dass Entwicklungsländer zwar ihrer eigenen Verantwortung für die Armutsreduzierung besser gerecht werden sollten, die Industriestaaten dies aber vor allem durch ein offeneres Handelssystem und mehr Entwicklungsfinanzierung tatkräftig unterstützen müssten. Als Teil dieser „globalen Partnerschaft“ wurde dabei das Ziel bekräftigt, dass die Industrieländer 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungsprojekte aufwenden sollen. Nur fünf Länder haben dieses Ziel bisher erreicht: Luxemburg, Dänemark, Norwegen, Schweden und Großbritannien. Deutschland liegt seit Jahren bei 0,4 Prozent.

Im Juli 2015, kurz vor dem UN-Gipfel zu den neuen Entwicklungszielen, kam in Addis Abeba (Äthiopien) erneut eine Konferenz zusammen, um sich mit der Finanzierung einer nachhaltigen Entwicklung zu beschäftigen. Denn umsetzbar werden diese Vorhaben nur sein, wenn einerseits wesentlich mehr Geld fließt, andererseits die globalen Rahmenbedingungen grundlegend reformiert werden. Dementsprechend wurde in Addis Abeba auch über die Entwicklung effektiver Steuersysteme, die Schaffung einer Finanztransaktionssteuer, die stärkere Einbindung des Privatsektors in die Entwicklungsfinanzierung, die Bedeutung eines gerechten Welthandelssystems, entwicklungshemmende illegale Finanzströme und über Technologietransfer diskutiert. Der „Aktionsplan von Addis Abeba“, enthält nun über 100 konkrete Maßnahmen zur Finanzierung einer nachhaltigen Entwicklung. 

Weitere Informationen zum 70. Jubiläum der Vereinten Nationen finden Sie auf unserer Schwerpunktseite.

70 Jahre Vereinte Nationen in Bildern: Herausforderung Entwicklungszusammenarbeit

Das könnte Sie auch interessieren