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Risiko Menschenrechtsverletzungen

Frau in Indien beim Spinnen von Garn.

Risikosektor Nr. 1: die Textilbranche. Mit 3,4 Mrd. Risikostunden ist hier die Gefahr am größten, dass entlang der Lieferkette Menschenrechte verletzt werden. (Foto: Christina Kamp)

19 von 31 Milliarden Arbeitsstunden, die international für die Deckung der deutschen Nachfrage geleistet werden, sind mit dem Risiko behaftet, dass dabei Menschenrechte verletzt werden. Dabei ist die Textilbranche mit 82 Prozent aller Arbeitsstunden der gefährlichste und gefährdetste Sektor weltweit, gefolgt von der Tourismusbranche, wo der relative Anteil der Risikostunden an den gesamten Arbeitsstunden bei 67 Prozent liegt. Dies geht aus der Studie "Wettbewerbsfaktor Social Compliance Management" der Beratungsfirma Systain Consulting hervor.

In der Studie wird der Anteil der Risikostunden (d.h. Stunden mit erhöhtem Risiko der Verletzung von Menschenrechten) nach Branchen und nach dem Ort ihrer Entstehung in der Lieferkette differenziert. Auch in anderen Wirtschaftszweigen, wie z.B. in der Elektronikindustrie, in der Lebensmittelbranche, im Baugewerbe oder im Fahrzeugbau, seien die Risiken, Menschenrechte zu verletzen, erheblich. Keine der Top-10-Branchen komme auf weniger als 400 Millionen Risikostunden, so eines der Ergebnisse der Studie.

Mit dem Vergleich einzelner Branchen macht die Studie deutlich, dass die Risikostruktur in den verschiedenen Sektoren sehr unterschiedlich ist. Je nach Produktionsstruktur lägen die Risiken entweder im direkten Zugriff deutscher Unternehmen oder tiefer in der Lieferkette, z.B. bei Vorlieferanten, die den Lieferanten deutscher Unternehmen Bauteile, Rohstoffe, o.ä. liefern.

Zwischen Sorgfaltspflicht und Wettbewerbsvorteilen

"Schlechte Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben im Ausland setzen Unternehmen in Deutschland unter Zugzwang", heißt es bei Systain. Nach den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sind Unternehmen in der Pflicht, die Menschenrechte zu achten. Sie müssen "menschenrechtliche Sorgfalt" ("human rights due diligence") walten lassen, d.h. sie müssen angemessene Maßnahmen ergreifen, um Menschenrechtsverletzungen zu erkennen, zu vermeiden und sie bei Bedarf zu beheben und wieder gutzumachen.

Die Berater von Systain sehen im Management menschenrechtsbezogener Risiken mehr als nur die Möglichkeit für Unternehmen, ihren guten Ruf zu wahren bzw. "Reputationsrisiken zu reduzieren". Die Zusammenarbeit mit Lieferanten in dieser Hinsicht könne auch positive Effekte auf die Liefersicherheit und die Qualität der Produkte haben und für die Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil darstellen.

"Arbeitsbedingungen müssen als integraler Bestandteil des Supply Chain Managements verstanden und strategisch verankert werden", so die Empfehlung von Systain. Arbeitsbedingungen könnten langfristig nur verbessert werden, wenn sich Arbeitsprozesse verändern – sowohl bei den Lieferanten als auch in den Einkaufsstrukturen der Unternehmen.

Weitere Informationen:

Link zum Download der Studie „Wettbewerbsfaktor Social Compliance Management“

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

Christina Kamp

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