10 Jahre Jugenddelegierte zur UN-Generalversammlung

Selfie: Die Jugenddelegierten 2015 mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.
Selfie: Die Jugenddelegierten Alexander Kauschanski und Carina Lange mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

Angefangen hat alles mit einer Studentin, die die Jugendresolution, die in der Generalversammlung der Vereinten Nationen alle zwei Jahre verabschiedet wird, genau gelesen hatte. Sie stellte fest, dass mit Unterstützung der deutschen Stimme immer wieder dazu aufgerufen wird, die nationalen Delegationen zur UN-Generalversammlung um Jugendliche zu erweitern, wenn es um Jugendfragen geht. So selbstverständlich wie die Vertretung Deutschlands dieser Forderung seit 1981 immer wieder zugestimmt hat, genauso selbstverständlich schien es aber offensichtlich auch, dass diese Forderung in Deutschland nicht umgesetzt wird.

Die Gegenargumente der Bundesregierung waren schwach, als die Beteiligung von Jugendlichen an den sie betreffenden Beratungen der UN-Generalversammlung dann tatsächlich eingefordert wurde. Der erste, gleich sehr ermutigende Schritt zur Einrichtung des Programms wurde durch ein Gespräch unter Beteiligung der Studentin auf einem Ledersofa in der Zentrale des Auswärtigen Amts am Werderschen Markt in Berlin getan: Ein Abteilungsleiter, unterstützt von einem zustimmenden Votum des deutschen Botschafters bei den Vereinten Nationen in New York, sagte gleich zu, dass man sich gemeinsam mit dem fachlich zuständigen Ministerium unmittelbar um die Einladung von Jugenddelegierten bemühen werde.

Transparenz herstellen, eine zentrale Aufgabe der Jugenddelegierten

Dass es dann mit der Umsetzung der durch die beiden hohen Beamten geäußerten Zustimmung länger dauerte, als man in dem Gespräch hätte vermuten können, hatte sicher mit der Transparenz zu tun, zu der zivilgesellschaftliche Partizipation zwangsläufig führt. Diejenigen, die die Resolution bisher für Deutschland verhandelt hatten, fürchteten offenbar, dass Jugendliche über ihre neuen Delegierten im Verhandlungsprozess erfahren könnten, dass es oftmals gar nicht um Jugendfragen geht, wenn von Deutschland Forderungen gestellt oder Kompromisse eingegangen werden. Vielmehr steht eine Formulierung zum Nahost-Konflikt oder ein ebenfalls sachfremder Zusammenhang z.B. zur Wahrung der Interessen der Industriestaaten gegenüber den G77 im Vordergrund.

Allein schon die Präsenz von Jugendlichen in den Verhandlungen zwingt dazu, Jugendthemen in den Mittelpunkt zu stellen und die überlagernden Konfliktlinien in die zweite Reihe zu verweisen. Das macht es für die Verhandlerinnen und Verhandler zwar schwieriger, das Ergebnis aber auch substanzreicher. Es dauerte noch ein dreiviertel Jahr, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass auch die Bundesrepublik Deutschland gewinnt, wenn sie die Tür für Jugendpartizipation auf der UN-Ebene öffnet. 2005 konnten die beiden Träger – das Deutsche Nationalkomitee für Internationale Jugendarbeit (DNK) und die DGVN – die ersten beiden Jugenddelegierten Anne Spiegel und Hanna Labonté als Pionierinnen zur UN-Generalversammlung entsenden. Der Dachverband der deutschen Jugendverbände hatte übrigens schon seit Jahren dieses Beteiligungsinstrument gefordert, war aber beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zuvor nicht auf offene Ohren gestoßen.

Die Jugenddelegierte 2011 Heidrun Fritze durfte eine Rede in der UN-Generalversammlung halten.
Die Jugenddelegierte 2011 Heidrun Fritze durfte eine Rede in der UN-Generalversammlung halten.

Das Vertrauen ist schnell gewachsen

Christina Apel und Jan Munz war es 2006 als ersten deutschen Jugenddelegierten möglich, eine Rede vor dem 3. Ausschuss der UN-Generalversammlung zu halten. Ihr bisheriges Auftreten und das ihrer Vorgängerinnen hat in der ständigen Vertretung in New York offensichtlich den Eindruck entstehen lassen, dass die beiden ihre Redefreiheit zwar durchaus nutzen, aber zugleich nicht bestrebt sind, die Bundesregierung zu brüskieren.

In dieser Balance zwischen eigenständig entwickelten Positionen, die die Perspektiven junger Menschen in den Mittelpunkt stellen und Rücksichtnahme auf die Positionen der staatlichen Politik haben auch die nachfolgenden Jugenddelegierten-Jahrgänge ihre Arbeit gestaltet. So konnten nicht nur alle Jugenddelegierten seit 2006 zum Dritten Ausschuss sprechen, sondern es ist auch möglich geworden, die Zusammenarbeit auf die Sozialentwicklungskommission auszudehnen, der wesentliche Vorbereitungsfunktionen für die Beratung im Dritten Ausschuss zukommen. Nachdem die Beteiligung an dieser Kommission in den ersten Jahren nur durch eine Akkreditierung über die DGVN und ohne Zustimmung der Bundesregierung erfolgt ist, werden die Jugenddelegierten mittlerweile auch hier als Delegationsmitglieder geführt.

Was wurde erreicht, was könnten die nächsten Schritte sein?

Natürlich kann und soll die Arbeit der Jugenddelegierten noch verbessert werden. Drei Dinge stehen im 10. Jahr im Vordergrund. Erstens: Mit der wachenden Rolle der EU in der Außenpolitik wird es wichtiger für eine sinnvolle UN-Jugendpartizipation, auch an den EU-Koordinierungen für den Dritten Ausschuss und die Sozialentwicklungskommission teilzunehmen.

Zweitens sind die einzelnen Jugenddelegierten-Jahrgänge bestrebt, inhaltlich in Zukunft noch besser Hand in Hand zu arbeiten, um ihre Möglichkeiten zu steigern, die zur Verhandlung anstehenden Resolutionen zu beeinflussen.

Drittens wandelt sich die deutsche Gesellschaft und die deutsche Jugend: Die Trägerorganisationen setzen sich gemeinsam mit den Delegierten dafür ein, das Programm auch für Jugendliche zu öffnen, die seit 5 Jahren (oder mehr) in Deutschland leben, aber keinen deutschen Pass haben.

Zum 10. Jubiläum: Gespräch mit Bundespräsident Gauck

Eine besondere Würdigung erhielt die Arbeit der Jugenddelegierten dieses Jahr durch Bundespräsident Joachim Gauck. Zum 10. Jahrestag lud er die jugendlichen Vertreterinnen und Vertreter am 31. August 2015 in die Villa Hammerschmidt in Bonn ein. Nachdem er 2013 als erster deutscher Bundespräsident vor den Vereinten Nationen in Genf gesprochen hatte, griff er 2015 das gemeinsame Jubiläum von UN und Jugenddelegierten-Programm auf. 70 Jahre nach der Gründung der Weltorganisation diskutierte er mit den Jugendlichen über aktuelle Herausforderungen und die deutsche Rolle in den Vereinten Nationen . Die besondere Perspektive der jungen Vertreterinnen und Vertreter stand dabei ebenso im Mittelpunkt wie ihre persönlichen Erfahrungen mit dem UN-System.