Verleihung des DGVN-Dissertationspreises 2009

Am 4. Dezember 2009 lud die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) zu der Verleihung des ersten DGVN-Dissertationspreises und anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „EU, UN und effektiver Multilateralismus“ ein. Dr. Jan Scheffler wurde mit seiner an der Universität St. Gallen eingereichten Arbeit „Die Europäische Union als rechtlich-institutioneller Akteur im System der Vereinten Nationen“ für seine herausragende Forschung im Bereich Vereinte Nationen geehrt. Laudator Prof. Dr. Manuel Fröhlich, Vorsitzender des DGVN-Forschungsrats, begründete die Auszeichnung Schefflers mit der außergewöhnlichen Güte und Breite von Schefflers Analyse: Seine Dissertation biete ein Kompendium unterschiedlicher Varianten von rechtlichem Status und politischer Einflussnahme im System der Vereinten Nationen. Die Arbeit erweitere staatszentrierte Darstellungen multilateraler Politik um eine neue Dimension. Sie füge sich damit ein in das von der DGVN unterstützte Forschungsfeld von „UN Studies“ als der Beschäftigung mit den Grundlagen, Institutionen und Handlungsfeldern des UN-Systems. Die unterschiedlichen Mitwirkungsmöglichkeiten der EU – nicht nur in den Hauptorganen der UN sondern etwa auch bei der FAO oder der Kommission für Nachhaltige Entwicklung – wurden mit viel Rechercheaufwand rekonstruiert und in einen Gesamtzusammenhang gebracht.

Die Arbeit zeichne sich weiterhin dadurch aus, dass sie vorausschauend auch das Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon berücksichtigt habe. Tatsächlich könnten der neue Ratsvorsitzende und die neue „Außenministerin“ der EU aus der Dissertation eine ganze Palette von Möglichkeiten europäischer Repräsentation und Politikgestaltung entnehmen.

Scheffler selbst sah sich mit dieser Auszeichnung in seinem ungewöhnlichen Forschungsansatz, das Thema sowohl aus politikwissenschaftlicher als auch völkerrechtlicher Warte zu betrachten, bestätigt und unterstrich die Möglichkeiten, die sich aus der interdisziplinären Bearbeitung seines Themas ergeben haben.

Keynote-Speaker des Abends war Dr. Gunter Pleuger, ehemaliger deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen und derzeit Präsident der Europa-Universität Viadrina sowie Mitglied im DGVN-Präsidium. Pleugers Ansicht nach ist Multilateralismus immer effektiv und das Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon am 1. Dezember 2009 sei als ein „voller Erfolg“ zu werten. Überhaupt sei die Europäische Union das Beste, was Europa in 800 Jahren passiert sei. Pleuger ergänzte, dass mit der Ratifizierung des Vertrags dem EU-Parlament wichtige zusätzliche Kompetenzen eingeräumt werden. Mit Blick auf die Rolle der EU in den Vereinten Nationen gab er zu Bedenken, dass ein gemeinsamer EU-Sitz im Sicherheitsrat praktisch nicht umsetzbar sei. Hätten die EU eine Stimme im Rat, so müsste auch den Mitgliedern der Afrikanischen Union (AU) und des Verbands Südostasiatischer Staaten (ASEAN) ein Sitz eingeräumt werden. Nur schwer vorstellbar sei zudem, dass die ständigen Mitglieder, Großbritannien und Frankreich, bereit wären, auf ihren ständigen Sitz und ihr Vetorecht zugunsten eines EU-Sitzes zu verzichten. In der anschließenden Podiumsdiskussion merkte die FDP-Bundestagsabgeordnete Marina Schuster an, dass der Vertrag von Lissabon zu mehr Transparenz und demokratischer Legitimation der EU beitrage. Die EU erhalte damit eine einheitliche Struktur und Rechtspersönlichkeit. Schuster gab jedoch zu Bedenken, dass die 27 Staaten zukünftig in internationalen Foren geeint auftreten müssen.

Mit dem Dissertationspreis wird herausragende Forschung im Bereich deutscher UN-Politik beziehungsweise im Bereich der Grundlagen, Institutionen und Handlungsfelder des UN-Systems gewürdigt. Zwölf Dissertationen zu Themen wie Global Governance im Bereich Gesundheit, Terrorismus-bekämpfung, Kindersoldaten und Völkerstrafrecht, Sanktionen des UN-Sicherheitsrats oder der Schutz-verantwortung wurden Anfang des Jahres eingereicht und dem Forschungsrat der DGVN zur Entscheidung vorgelegt.

Künftig wird der Dissertationspreis alle zwei Jahre vergeben werden. Mit ihm verbunden ist die Möglichkeit der Veröffentlichung in der Reihe »The United Nations and Global Change« des Nomos-Verlags bei gleichzeitiger Unterstützung für anfallende Druckkosten. Andernfalls erhält der/die Preisträger/in ein Preisgeld von 500 Euro.

Zum Thema EU und UN sehen Sie auch den Beitrag von Daniel Thym in der Zeitschrift VEREINTE NATIONEN 3/08:
Die Europäische Union in den Vereinten Nationen. Der Vertrag von Lissabon fördert Kohärenz und Sichtbarkeit

Seite drucken