Waldschutz ohne Waldbewohner?

Effektiver Waldschutz nur unter Beteiligung indigener Menschen möglich

Bei der Umsetzung des Waldschutzprogramms REDD+ („Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation“, deutsch: „Verringerung von Emissionen durch Abholzung“) vor Ort gibt es Probleme: Die Messung der CO2-Einspaarung durch Schutzprogramme ist aufwendig, indigene Waldbewohner haben keine ausreichenden Mitspracherechte und sie sind vom REDD+ Prozess entfremdet. Damit REDD+ effektiv funktionieren kann, müssen das Wissen, die Praktiken und die Interessen von indigenen Menschen wirklich berücksichtigt werden.

 

Waldschutz ist Klimaschutz und deshalb im Interesse aller Menschen. Aus diesem Grund sollen durch REDD+ Ausgleichszahlungen aus den Industriestaaten für Waldschutzprojekte in ärmere Regionen fließen. Dabei gibt es aber nicht nur Streit über sehr grundsätzliche Fragen, z. B. ob die Zahlungen über Fonds oder marktförmig über einen Zertifikatehandel organisiert werden sollen, sondern auch die konkrete Umsetzung von REDD+ „on the ground“ ist problematisch.

Eine zentrale Voraussetzung dafür, dass REDD+ tatsächlich zum Klimaschutz beiträgt, ist, dass sowohl der aktuelle Waldbestand als auch die Wirkung von Maßnahmen vergleichbar gemessen werden kann. Die Messung des Waldbestandes kann beispielsweise durch Satellitenaufnahmen geschehen. Dies ist allerdings recht ungenau und kann die Verringerung des Waldes durch die Entnahme von Holz, bei der nicht das ganze Gebiet umgewandelt wird, nicht erfassen. Alternativ bleibt nur die Überwachung und Messung des Waldes vor Ort durch Förster – was allerdings viel Geld kostet, das besser direkt in den Waldschutz investiert werden könnte.

Waldmessung durch die lokale Bevölkerung 

Ein Team aus 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat einen alternativen Ansatz untersucht: die Messung des Waldes durch die lokale Bevölkerung. In einer im Jahr 2011 im Fachblatt „Conservation Letters“ erschienenen Studie verglichen sie die Waldmessungen von professionellen Förstern und Försterinnen und der lokalen Bevölkerung in 19 verschiedenen Testgebieten in Indien, Tansania und Madagaskar. Dabei stellten sie „keine signifikanten Unterschiede“ zwischen den Ergebnissen der Försterinnen und der lokalen Bevölkerung fest und erläutern: „Das impliziert, dass die von lokalen Gemeinschaften erhobenen Daten über den Waldbestand, insbesondere in Hinblick auf die Veränderungsraten desselben, für die Anwendung für REDD+ genutzt werden können. Darüberhinaus können lokale Gemeinschaften viele Daten zu sehr geringen Kosten sammeln.“

Ein weiterer Vorteil der Einbeziehung der lokalen Bevölkerung bei der Waldmessung betrifft nach der Studie ein ganz anderes Problem: die Verletzung der Rechte indigener Menschen, die leicht im Rahmen von REDD+ auftreten können. „Bei den Verhandlungen zur UNFCCC (UN Klimakonvention) haben Organisationen von indigenen Menschen sich generell gegen REDD+ ausgesprochen. Sie befürchten, dass die Programme durch nationale Regierungen gesteuert werden und dass dies die lokale Kontrolle über Waldressourcen unterläuft. Das würde zu einer Entfremdung der Bevölkerung von ihren Resseourcen führen.“ Nur wenn die im Wald lebenden Menschen – darunter einige der ärmsten und marginalisiertesten Gruppen weltweit – aktiv in den REDD+ Prozess einbezogen werden und auch ökonomisch profitieren, könne REDD+ nachhaltig implementiert werden. Natürlich müsste die Beteiligung der lokalen Bevölkerung weit mehr umfassen als ihnen einfach die Aufgabe der Waldmessung zu übertragen. Sie müssten eingebunden sein in umfangreiche Bestimmungs- und Verfügungsrechte über den Wald.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2010 über die Umsetzung von REDD+ in Tansania bestätigt die Notwendigkeit, die lokale Bevölkerung nicht nur eng in die Waldpolitik einzubeziehen, sondern ihr sogar das komplette Waldmanagement zu überlassen. Schon heute sind 1,7 Millionen Hektar des tansanischen Waldes unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung verwaltet und 2,4 Millionen Hektar vollständig lokal verwaltet. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass „das Eigentum und die Kontrolle des Landes, also der Wälder [...] wichtig für die Umsetzung von REDD+ in Tansania [ist].“ Dies ist aber nicht nur Mittel zum Zweck für einen effektiven Waldschutz, sondern die Berücksichtigung der Rechte der Waldbewohner muss als eigenständiges Ziel in den REDD+ Prozess integriert werden.

Unterschiedliche Weltsichten prallen aufeinander 

Eine aktuelle Untersuchung zu den Auseinandersetzungen um REDD+ in Brasilien, einem der wichtigsten Waldländer, zeigt, dass sich die mit REDD+ verbundenen Probleme nicht lösen lassen, indem man indigenen Menschen einfach bestimmte administrative Rechte und Aufgaben überlässt. Die Probleme liegen viel tiefer: Der große Unterschied liegt zwischen den Weltsichten der indigenen Menschen und der REDD+-Philosophie, die auf der modernen westlichen Tradition basiert. Diese, so betont der Soziologe Bruno Latour, sieht die Marktkräfte als „die natürliche Grundlage der Menschheit als die fundamentale Logik, der sich jeder ohne Diskussion unterwerfen muss, um in Wohlstand und Freiheit zu leben.“ In der Belém Deklaration von 2009 kritisieren Brasilianische NGOs REDD+ eben dafür, sich vollständig dieser Marktlogik zu unterwerfen und fordern eine generelle Umstellung auf faire, nachhaltige und gerechte Produktion und Naturnutzung.

Im Juni 2009 wurde ein REDD+ Zertifikationsgesetz dem Brasilianischen Kongress vorgestellt, das zunächst auf Ablehnung stieß, weil es vor allem dem privaten Gewinninteresse einer kleinen Gruppe diente. Es gelang jedoch, durch Verhandlungen vor allem mit indigenen Anti-REDD-Gruppen, eine geänderte Version dieses Gesetzes im Dezember 2010 zu verabschieden. Durch die Verhandlung mit den REDD+-Gegnern haben es die REDD+-Befürworter geschafft, den grundsätzlicheren Streit über Marktmechanismen verstummen zu lassen und nur noch kleinteilige Fragen der Verteilung von einzelnen Rechten und Ressourcen zu führen. Mit diesem „ein bisschen was für alle“ Ansatz konnten die REDD+-Befürworter einen strategischen Erfolg erzielen, allerdings einen zweifelhaften, denn ein wirkliches Einlassen auf die in der Bélem Deklaration geäußerten Kritik hat nicht stattgefunden. Verhandelt wurde nur über die Implementierung und Interessenkonflikte, nicht aber über die grundsätzlichen Fragen. Damit bleibt neben den andauernden und bekannten Konflikten über Landbesitz und –kontrolle, wirtschaftliche Verteilung und Mitbestimmungsrechte auch das grundsätzliche Problem der unterschiedlichen Weltsichten vorerst bestehen. Die Autoren der Studie über Brasilien warnen: „Es geht um die Befürchtung, dass zukünftige Einigungen über die Umsetzung von REDD+-Initiativen, die die indigenen Gebiete betreffen, scheitern werden, ganz einfach weil es misslingt, eine Verbindung mit den Realitäten des indigenen Ressourcenmanagements und der indigenen Entscheidungsprozesse herzustellen.“

Lernbereitschaft und eine enge Zusammenarbeit mit indigenen Menschen in Bezug auf REDD+ ist nicht nur nötig, um das ganz praktische Problem der Messung des Waldbestands zu lösen, sondern für den Erfolg des Waldschutzes überhaupt, der sowohl auf das traditionelle Wissen der indigenen Menschen als auch auf die Zusammenarbeit mit ihnen angewiesen ist. Darüber hinaus steht richtig verstandener Waldschutz nicht im Gegensatz zu den Interessen der Menschen, sondern muss soziale Probleme von Anfang an mit behandeln.

Karsten Schubert

 

Literatur:

Danielsen, Finn et. al. (2011): At the heart of REDD+: a role for local people in monitoring forests? In: Conservation Letters 4, S. 158–167.

Burges, Neil D. et al. (2010): Getting ready for REDD+ in Tanzania: a case study of progress and challenges. In: Fauna & Flora International, 44 (3), S. 339–351.

Shankland, Alex; Hasenclever, Leonardo (2011): Indigenous Peoples and the Regulation of REDD+ in Brazil: Beyond the War of the Worlds? In: IDS Bulletin Volume 42 Number 3, S. 80-88.