Hören Sie hier Originaltöne aus Audioaufnahmen der Fachtagung vom 10. November 2008:
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Begrüßung durch Ekkehard Griep
Dr. Hans R. Herren zu den Merkmalen und Auswirkungen der Nahrungsmittelkrise
"Disconnects" im landwirtschaftlichen Sektor
Förderung von Biodiversität statt Bekämpfung der Symptome
Hansjoerg Strohmeyer: Kooperation, Koordination und Kohärenz
Global partnership for Food der Geberländer









Die globale Nahrungsmittelkrise hält an – Weltagrarrat fordert gezielte Investitionen in Landwirtschaft armer Länder - Bericht zur Fachtagung "Die globale Nahrungsmittel- und Agrarkrise"
Trotz zwischenzeitlich gefallener Ölpreise und sinkender Weltmarktpreise für wichtige Nahrungsmittel – die globale Nahrungsmittelkrise ist nicht überwunden. Sie wird von der aktuellen weltweiten Finanzkrise nur vorübergehend überlagert. Es gibt keinen Grund für Entwarnung, die Aussichten für die hungernde Bevölkerung in armen Ländern bleiben düster. Nicht Gentechnologie oder Hochleistungsdünger sondern die verstärkte Investition in die bislang vernachlässigten Kleinbauern im Rahmen einer nachhaltigen Landwirtschaft – das muss zum Leitbild zukünftiger Entwicklungszusammenarbeit werden, forderte jüngst Hans Herren, stellv. Leiter des sogenannten Weltagrarrats, auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) in Berlin. Im Weltagrarrat arbeiten über 400 Wissenschaftler, Experten und auch betroffene Bauern zusammen.
Die Prognosen internationaler, regionaler und nationaler Organisationen und Experten zur globalen Nahrungsmittel- und Agrarkrise sind düster. Die Anzahl der hungernden Menschen ist stark angestiegen – nach Angaben des
Welthunger-Index 2008, der von der Deutschen Welthungerhilfe und dem US-Agrarforschungsinstitut IFPRI (International Food Policy Research Institute) im Oktober herausgegeben wurde, von 848 Millionen in 2005 auf 923 Millionen in 2007. Auch wenn die globale Nahrungsmittel- und Agrarkrise inzwischen von den Turbulenzen auf den Finanzmärkten aus den Schlagzeilen weitgehend verdrängt worden ist, bleibt die bedrohliche Situation, insbesondere der hungernden Menschen südlich der Sahara, auf der Tagesordnung.
Alarmierende Entwicklung der Nahrungsmittelpreise setzt sich fort
Die Weltgemeinschaft muss weiterhin mit außergewöhnlich hohen Nahrungsmittelpreisen rechnen. Die weltweit gestiegene Nachfrage nach Biotreibstoffen geht auf Kosten der Anbauflächen für Nahrungsmittel. Hohe Energiepreise und das enorme Wachstum der Schwellenländer haben eine Kostenwelle ausgelöst, verbunden mit einer erhöhten Nachfrage auf den Weltagrarmärkten. Zudem leiden die Anbauflächen der Armen in Afrika, der Karibik und Südasiens bereits unter dem Klimawandel. Dürren, Hochwasser oder fortschreitende Wüstenbildung haben die Katastrophenanfälligkeit drastisch ansteigen lassen. Die langfristigen Perspektiven sind alarmierend. Bei anhaltendem Bevölkerungswachstum von derzeit 6 auf 9 Milliarden Menschen wird sich im Zeitraum 2025 – 2050 die Nachfrage nach Nahrungsmitteln verdoppeln.
Welche enormen Anstrengungen im Bereich der landwirtschaftlichen Entwicklung erforderlich sind, erläuterte der stellvertretende Vorsitzende des sogenannten Weltagrarrats, Hans R. Herren, auf der DGVN-Tagung in Berlin. Beim Weltagrarrat handelt es sich um das
"International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD)"
, einen weltweiten Zusammenschluss von 400 Wissenschaftlern, Experten und Landwirten, der von den Vereinten Nationen unterstützt wird. Im Dezember dieses Jahres erscheint der globale IAASTD-Bericht in vier Sprachen, der den globalen Sachverstand zum Thema Landwirtschaft zusammenfasst. Quintessenz der Untersuchung: Mit „Business as usual“ sind die Probleme der Landwirtschaft und die Nahrungsmittelkrise nicht zu lösen.
Seiner Meinung nach ist es zentral, die „Multifunktionalität der Landwirtschaft“ zu berücksichtigen: „Um den aktuellen Problemen wirksam entgegen treten zu können, müssen die Themen Landwirtschaft, Wirtschaft, Umwelt und der soziale Bereich zusammengebracht werden.“ An Stelle von schnellen Problemlösungen, wie einem erhöhten Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, wird längerfristig nur generationenübergreifende Lösungsansätze weiter helfen. Dabei steht die Steigerung der Produktivität der Kleinbauern im Mittelpunkt der Strategie: „Deren Dienstleistungen für den Umweltschutz müssen bezahlt werden und ihre Marktchancen müssen durch Infrastrukturmaßnahmen verbessert werden. Zudem ist der Wissenstransfer und –austausch unter den Kleinbauern zentral“, so Herren. Um die Rolle von Kleinbauern zu stärken, sieht er auch Handlungsoptionen im Bereich der Erhaltung von Biodiversität, der Steigerung des Produktionskapitals und einer Risikoreduzierung für Kleinbauern bei einer gleichzeitigen Sicherung ihres Einkommens. Sehr kritisch sieht der Weltagrarrat den Einsatz von Gentechnologie und die Aktivitäten großer Agroindustrieunternehmen. Die ökologischen Risiken einer zweiten „Grünen Revolution“ sind enorm. Hochertragssorten sowie erhöhter Düngemittel- und Pestizideinsatz sind schon deshalb keine Perspektiven für eine nachhaltige Landwirtschaft in den Entwicklungsländern, da die aktuellen Hungerprobleme hauptsächlich durch weit verbreitete Armut verursacht werden und nicht weil zu wenig Nahrungsmittel zur Verfügung stehen.
Ölpreis und Finanzkrise als wichtige Faktoren
Welche Einschätzung die UN zur Bewältigung der aktuellen Nahrungsmittelkrise hat, erläuterte Hansjoerg Strohmeyer, Leiter der Unterabteilung Politikentwicklung und Studien- beim UN-Nothilfekoordinator und Leiter des Unterstützungsteams für Nahrungsmittelpolitik der im April 2008 eingerichteten
Task Force des UN-Generalsekretärs zur globalen Krise der Nahrungsmittelsicherheit: „Von der Produktivität bis zum Markt muss alles verbunden werden, um die Welternährungssituation zu verbessern.“ Die Finanzkrise hat eine Auswirkung auf die Nahrungsmittelkrise, die eine strukturelle Krise ist – die aktuelle Preisentwicklung ist nur ein Auswuchs der steigenden Ölpreise.“ Auch Strohmeyer nannte die Heranführung der Kleinbauern an den Markt als wichtigste Maßnahme und zog den Vergleich zum Erfolg mancher Schwellenländer, die ihre Kleinbauern unterstützt haben. Strohmeyer plädierte für eine Anpassung der Entwicklungszusammenarbeit: „Die Geberländer müssen mehr in die landwirtschaftliche Entwicklung, insbesondere in die Infrastruktur, investieren. Dafür müssen auch Anpassungserfordernisse im Zoll-, Steuer- und Handelssystem bei den Empfängerländern erfüllt werden mit dem Ziel, lokale Nahrungsmittelmärkte zu entwickeln.“
Vor dem Hintergrund des rasanten Bevölkerungswachstums und der damit verbundenen Nahrungsmittel- und Wasserknappheit zeichnete er ein düsteres Zukunftsbild, falls nicht schnell etwas gegen die Krise unternommen wird: „In Zukunft werden ein Drittel mehr Menschen 100% mehr Nahrung benötigen und heutzutage verbraucht allein die Landwirtschaft zwei Drittel der Süßwasserreserven – ein Luxus, der angesichts einer Milliarde hungernder Menschen auf Dauer nicht haltbar ist.“
„Common Framework for Action“ und “Global Partnership for Food“
Der von der UN-High Level Task Force zur Bekämpfung der Nahrungsmittelkrise entworfene
Aktionsplan „Common Framework for Action" soll Handlungsvorschläge liefern. Unter anderem ist als wichtige Komponente eine jährliche Konferenz zur Überprüfung und Evaluierung der politischen Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen vorgesehen. Mehr Kooperation, Koordination und Kohärenz im Feld soll gefördert, die Forschung verbessert, die Einbindung des Privatsektors vorangetrieben sowie der Dialog mit den Geberländern unterstützt werden. Strohmeyer gab allerdings zu bedenken: „Die Hilfe der UN wird immer beschränkt sein, da sie nicht für alle Katastrophen einspringen kann – es bedarf eines Zusammenspiels aller Kräfte, einer „Global Partnership for Food“, um rein nationale Interessensvertretung zu vermeiden.“
Chance auf Politikwechsel durch neue Konzepte?
In der Podiumsdiskussion mit Regierungs- und Parlamentsvertretern und der Zivilgesellschaft wies Ulla Mikota vom Entwicklungsministerium (BMZ) den Vorwurf zurück, man sei bei der Bekämpfung der Nahrungsmittelkrise untätig gewesen: „Es ist mehr Geld geflossen und es sind europaweit Aktionspläne entstanden – in der Analyse herrscht Konsens, allerdings gibt es innerhalb der Ministerien Kontroversen über die Umsetzung“. Thilo Hoppe, Grünen- Abgeordneter und Vorsitzender des Bundestagsausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sieht diese Lücke zwischen Theorie und Praxis weitaus dramatischer und brachte seine Ungeduld angesichts der schleppenden Umsetzung der Millenniums-Entwicklungsziele zum Ausdruck: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zu einer Integration von Nachhaltigkeit und Menschenrechten in die gesamte Produktionskette - hier muss das Parlament konkreter und NGOs müssen besser eingebunden werden.“ Besonders setzte sich Hoppe für eine Abschaffung der Agrarsubventionen in der EU ein, wies aber auf den Einfluss von mächtigen Bauernverbänden und den Druck auch innerhalb seiner eigenen Fraktion hin. Fehlende Identifikation („Ownership“) mit der ländlichen Entwicklung sieht er als Hauptgrund für die Vernachlässigung des Agrarsektors, auch durch die Regierungen in Entwicklungsländern, die „hauptsächlich aus Städtern bestehen und keine Präferenz auf landwirtschaftliche Themen legen“. Guatemala ist ein Beispiel dafür. Trotz prekärer Nahrungsversorgung existiert aufgrund der mangelnden Nachfrage der dortigen Regierung nicht einmal ein Gebertisch zu Agrar- und Nahrungsfragen.
Lobbyisten versus Gutmenschen
Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland prangert die Offenheit der Regierungen für Lobbyisten der Ernährungsindustrie an: „Die Ernährungsindustrie bestimmt die Arbeit der EU-Kommission hinsichtlich der Agrarsubventionen.“ Sie plädiert für die Reduzierung der Abhängigkeit vom Weltmarkt bei einer gleichzeitigen Steigerung der einheimischen Lebensmittelproduktion. Wiggerthale: „Von Lebensmittelimporten abhängige Länder, insbesondere bei Getreide, waren von der Krise stärker betroffen, das Problem vieler Länder ist die Konzentration ihrer Landwirtschaft auf die Exportproduktion.“ Dr. Rudolf Buntzel, der Beauftragte für Welternährungsfragen beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), kritisierte unter anderem das Programm der Bill & Melinda Gates Stiftung „The Alliance for a Green Revolution in Africa’s (AGRA) Soil Health Program“: „Es plädiert für die Grüne Revolution, geht aber völlig an der Realität in Afrika vorbei.“ Er bezeichnete die dort gewährte Saatguthilfe als kontraproduktiv und nur profitabel für die Düngemittel- und Saatgutkonzerne. Die wichtigste Passage im Bericht des Weltagrarats betrifft das Vertrauen auf das genuine Wissen der Bevölkerung: „ Es geht um Partizipation und eine Entwicklung von unten, das wichtigste Instrument sind hier die Öffentlichkeit und die Medien.“ /Sylvia Stützer
In der aktuellen Ausgabe der Internationalen Zeitschrift "E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit" (Nr. 11/2008) äußerte sich Dr. Rudolf Buntzel zu Chancen und Risiken hinsichtlich eines Politikwechsels in der globalen Nahrungsmittel- und Agrarkrise:
http://www.inwent.org/ez/articles/082710/index.de.shtml